Fahrbericht BMW 520d E60

Für einige Tage stand mir als Ersatzfahrzeug ein 520d in sog. "Kassenausstattung" also nur in Grundausstattung ohne jegliche Extras zu Verfügung. Die Außenfarbe ist schwarz II uni, innen Textil antrazith mit Silber lackierten Intereurleisten. Ferner gehören mittlerweile zur Grundausstattung Tempomat, Klimautomatik, Checkcontrol, Bordcomputer, Klimalüftung für den Fond, Leseleuchten, beleuchtete Schminkspiegel (früher "Innenlichtpaket"), el. Fensterheber vorn und hinten sowie eine fernbedienbare Heckklappenöffnung.  

Karosserie
War das Design vom Vorgänger E39 noch unauffällig/gefällig so polarisiert das "Bangle-Design" bis heute. Man sprach von einer "Gewöhnungszeit", ich konnte mich bis heute nicht daran gewöhnen und werde es wohl auch nie. Der Ansatz zum Zusammenspiel aus konvexen und konkaven Flachen ist gut gemeint aber es mangelt an der gekonnten Umsetzung. Zu überzeichnet die Linien, zuviel Effekthascherei, zuviel glatte Blechflächen lassen den Wagen zudem viel zu voluminös erscheinen, was dem sportlich dynamischen Anspruch optisch dämpft. Dabei sind die Designideen im Detail nicht einmal originell, kennt man die Frontscheinwerfer von Honda und die Heckscheinwerfer von Peugeot von früher her in nur leicht abgewandelter Formensprache. Die hochgezogene Gürtellinie berücksichtigt die modernen Anforderungen des Fußgängerschutzes, doch wurde sie nach hinten zu steil hochgezogen. Hinzu kommen die breite B-Säule und die flach gezogene A-Säule, die die Sicht des Fahrers weiter einschränken und den Fondinsassen fast nur noch ein Guckloch belässt. Die Türen schliessen mit einem eher blechernen Geräusch, wie man es sonst nur von preisgünstigen Kleinwagen kennt.

Interieur
Dieser Eindruck setzt sich noch verstärkt im Innenraum fort. Die gesamte Materialanmutung und Haptik unterscheidet sich qualitativ nicht von einem preisgünstigen Kleinwagen. Wacklige, leichte Plastikschalter, plastikhafte Interieurverkleidungen, selbst die Türgriffe und Türöffner vermitteln den Eindruck, das "Premium" allenfalls im Werbeprospekt erscheint. Das Lenkrad ist mit gleichem Plastiküberzug ausgestattet und hat einen selbst für meine vergleichsweise eher "zierlichen" Hände zu dünnen Lenkradkranz, der an die 70er Jahre erinnert. Längere Fahrten führen daher schnell zu angespannter Handmuskulatur, da die Hand zu eng greifen muß. Das strengt zunächst an und sorgt dann zu schnellerer Ermüdung. Auch in bei sportlicher Fahrweise oder in Gefahrensituationen ist ein so dünner Lenkradkranz weitaus schwieriger zu "packen", ein Sicherheitsmanko.

Die Innenbeleuchtung ist eher missglückt, die beiden hinteren Leuchten in den C-Säulen vom Vorgänger wurden in eine zentrale Leuchte unter dem Dachhimmel zusammengefaßt, statt einer Streuscheibe hat man eine Milchglasscheibe (Kunststoff) verwendet, die Licht wirkt recht funzlig. Die Türausstiegsbeleuchtung ist zu weit vorn angebracht und sollte bei geschlossener Tür als Fußraumbeleuchtung dienen, wird dabei aber größtenteils vom Schweller abgedeckt und ist somit kaum als solche wirksam. Lediglich die Leseleuchten sind in gewohnter Weise brauchbar. Der Aschenbecher ist vorn in der Mittelkonsole platziert und recht billig ausgeführt, schlecht bedienbar (Klappe klemmt beim schliessen) und man sieht bei heruntergeklappten Zigarettenanzünder häßliche Kabel. Vielleicht soll das zum Nichtrauchen animieren? Wohl kaum, denn auch die Nichtraucheraustattung ohne Ascher und Anzünder ist da nicht anders.

Die Armlehnen sind fest in den Türschalen und der Mittelkonsole integriert. In letzter sind die Armlehnen nicht verstellbar. Eine unter der Mittelarmlehne angebrachte Ablagemulde ist denkbar unergonomisch gestaltet. Aufgrund der Höhe muß man einerseits den rechten Arm hoch anheben und zugleich eine dem Fahrer zugewandte Entriegelungstaste betätigen, die Klappe springt dann auf um sogleich vom bedienden Arm wieder gestoppt zu werden. Während der Fahrt entsteht so ein umständliches Genestel, bis man an die Mulde herankommt, auch der Fahrsicherheit nicht förderlich. Ablagen sind beim E60 ohnehin knapp bemessen, die Designer sind anscheinend keine Autofahrer des täglichen Lebens. Schick aber unpraktisch, denn die sehr designbetonte Mittelkonsole bietet keine weiteren Ablagemöglichkeiten, bei Option einer Freisprecheinrichtung mit Mobiltelefon entfällt die Ablage unter der Armlehne, da dort die Technik Platz nimmt. Bei Option eines CD-Wechslers, der früher im Kofferraum genug Platz fand, muß hier das Handschuhfach wertvollen Platz abgeben, so das dieses kaum noch nutzbar ist. Bleiben als Ablagemöglichkeit nur noch die Türtaschen, die gegenüber dem E39 unverständlicher Weise deutlich verkleinert wurden. Da hilft das serienmäßige Netz im Beifahrerfußraum wenig, zumal es bei größerer Ausnutzung die Beinfreiheit des Beifahrers einschränkt. Die Beinfreiheit im Fond ist dagegen eine der wenigen erfreulichen Verbesserungen beim E60, auch ausgewachsene Personen bis ca. 1,95m finden dort ohne Zwänge Platz. Die Sitze sind gut geformt, aber nicht überdurchschnittlich, gut sitzen konnte man bereits im gut 15 Jahre älteren Vorvorgänger E34. Subjektiv ist die Rückenlage im E60 nicht ganz so gelungen (Seriensitze), die Komfortsitze dagegen hervorragend gut. Der Fahrer sitzt im E60 hingegen etwas "eingebaut" zwischen den hohen Türen und der hohen Mittelkonsole. Die halbelektrische Sitzverstellung ist gut wie selbsterklärend bedienbar.

Die zur Fahrt notwendigen Bedienelemente sind diskret ausgeführt, man kann Lüftung/Klima sofort einstellen. Das suchen von Radiosendern sollte man vor Fahrtantritt machen, da man während der Fahrt nur an den Lenkradtasten und Radiotasten die Sender "zappen" kann. Eine gezielte Einstellung ist nur über das I-Drive möglich, das während der Fahrt zu umständlich zu bedienen ist, auch bei geübter Handhabung muß zu oft ein Kontrollblick auf den Monitor gerichtet werden. Das I-Drive ist zum Tasten sparen erfunden worden, aber weniger um den Fahrer nicht mit einer Tastenflut zu verwirren, denn die Bedienung verwirrt nicht weniger, als kostpielige Montageschritte für einzelne Tasten in der Produktion zu sparen. Neben "Entertainment" (wohinter sich nur simple Radioeinstellungen wie Klang und Sender verbergen) gibt es noch den Bordcomputer (der auch nicht mehr anzeigt als bei früheren Modellgenerationen) und Fahrzeuginfo, wo man die künftigen, teils hochgerechneten Serviceintervalle abrufen kann. Diese erscheinen mir teils recht lang, so daß entstehende Schäden bzw. bald fällige, außerplanmäige Defekte zu spät erkannt werden, am Service gespart (gutes Verkausargument) und dafür später deutlich teurer repariert ("Wären Sie doch schon früher zu uns gekommen...") was man beim Kauf natürlich nicht gesagt bekommt. Die Tachoinstrumente sind gut ablesbar, zwischendrin die wichtigsten Fahrzeuginformationen wie Kilometerstände, Durchschnittsverbrauch und Uhrzeit. Weniger angenehm der Blinkerhebel. Dieser rastet nicht mehr ein, sondern immer gleich wieder in seine Grundstellung zurück. Man muß sich daran gewöhnen, den Blinker ggf. zweimal zu betätigen. Ein mal ein und nocheinmal für aus. Auch nimmt man die Funktion weniger bewußt wahr, so daß man aufpassen muß, den Blinker während eines Spurwechsels nicht zu lange laufen zu lassen, falls man die interne Rastschwelle überschreitet. Die Rastschwelle ist allerdings zu leichtgängig, so man sie schnell einmal überschreitet und dann im Dauerblinkzustand ist, was andere Verkehrsteilnehmer verunsichert. Unterhalb dieser blinkt es dreimal und verlöscht dann selbsttätig. Diese Funktion ist zum Spurwechsel gedacht.

Die Fensterheber sind zum Fahrzeuginnenraum geneigt und man muß die Hand zu deren Bedienung unangenehm verdrehen. Die Türgriffe sind zu weit nach vorn platziert und man muß zum zuziehen unnötig viel Kraft aufwenden und sich zudem noch dazu vorbeugen. Im geschlossenen Zustand stößt sich das türseitige Knie leicht daran.

Die Außenbeleuchtung ist ausreichend (H7), lediglich die Fahrlichtautomatik wollte nicht so recht funktionieren, das Fahrlicht bleibt ständig eingeschalten.

Die aufgesetzte Kofferaumklappe bietet durch den darunter liegenden, vergrößerten Ausschnitt eine bessere Lademöglichkeit für sperrige Gegenstände, die aber nicht in die Tiefe des Kofferaums passen. Die Heckklappe ist sehr leicht und geht ebenso leicht zu schließen, auch eine Verbesserung gegnüber der etwas schwergängigen Heckklappe des E39.

Motor
Die Motorisierung mit dem 2-Liter Diesel ist die Einstiegsmotorisierung der 5er-Klasse. Mit 163PS eigentlich ausreichend stark. Die Stärke dieses Turbodiesels mit Commonraileinspritzung ist der Durchzug. Wie bei vielen Turbomotorren hat auch dieser eine ausgeprägte Anfahrschwäche, auch "Turboloch" genannt. Erst bei Drehzahlen ab 2000 baut sich genug Ladedruck und damit Schubkraft auf. Die Kupplung ist sehr schwergängig durch die hohe Andruckkraft. Ob dies bei einem kleinen Diesel notwendig ist, eine schwergängige Kupplung, die von einem alten LKW stammen könnte, darf bezweifelt werden, es ist wohl eher ein Opfer der Baugruppenvereinheitlichung, denn das gleiche Getriebe wird auch beim deutlich Drehmomentstärkeren 530d verbaut. Durch die Schwergängigkeit wird die Kupplung recht gefühllos und beim Einkuppeln ist der Motor zudem recht schwachbrüstig. So muß man hier gefühlvoller als anderswo einkuppeln, denn eine Unaufmerksamkeit dabei kann schon zu einem zu schnellen Kraftschluß führen, was der Motor sogleich mit einem Abwürgen quittiert. Unangenehm macht sich die Kupplung auch im Stop-and-go-Verkehr bemerkbar, wo einem schnell der Ballen unter dem Fuß drückt aufgrund der erforderlichen hohen Bedienkraft.

So sehr der Diesel mit dem erst kurz und dann länger übersetzten Getriebe im kraftvollen Durchzug überzeugen mag, beim anfahren gebärdet er sich dadurch eher lahm. Kein Auto für Ampelstarts. Eher zum auf- und überholen. Selbst im 6. Gang des teilweise etwas haklig zu schaltenden Getriebes reagiert der Wagen recht unmittelbar auf Gasbefehle. Das "Nageln" des Diesels hält sich durch die reduzierte Verdichtung angenehm im Hintergrund. Der Verbrauch ist angemessen gering. Im Stadtverkehr ist man mit dem 520d eigentlich schon ausreichend motorisiert, allerdings empfiehlt sich gerade hier die 6-Gang-Automatik, die gegenüber früheren 5-Gangautotmaten deutlich schneller anspricht und recht "intelligent" schaltet, man hat nahezu immer den passenden Gang parat.

Fahrkomfort/Fahrwerk
Die Federung ist recht gut, nicht zu weich. Leider kam man aber in München auf die glorreiche Idee, alle Serienfahrzeuge mit Runflatreifen auszustatten. Der Vorteil ist, ohne Radwechsel bei akutem Druckverlust bis zu 150km in eine geeignete Werkstatt fahren zu können. Erkaufen muß man sich die eher selten zu nutzende Annehmlichkeit im Zeitalter von flächendeckend eingesetzten Servicemobilen mit vielen Unanehmlichkeiten. Diese wären zu hartes Anfedern, höheres Radgewicht, da die Runflatreifen durch die verstärkten Karakassen deutlich schwerer als konventionelle Reifen und dabei deutlich steifer sind. Dies wirkt sich nachteilig auf das ganze Fahrverhalten aus. So folgt der Wagen dem Einlenken unwilliger, die Rückmeldung von der Fahrbahn ist undefinierter. Die Lenkung ist in der Mittellage zu schwammig und wird auch durch die Reifen bei weiterem Lenkeinschlag zu zäh. Das bei früheren BMW-Fahrzeugen traditionell gelobte Handling leidet hierduch spürbar. So wundert es nicht, wenn Tester in Autozeitschriften Konkurrenzmodelle als komfortabler bewerten.

Zusammenfassung
BMW suggeriert den hohen Premiumanspruch, doch dieser bewahrheitet sich bei diesem Fahzeug nur teilweise, am ehesten noch bei Motor und Fahrwek. Ich will mich hier gar nicht länger über das überzeichnete Aussendesign auslassen, welches sonst schon für viel Diskussionsstoff sorgte, die wirkliche Enttäuschung finde ich dort, wo man als Fahrer den meisten Kontakt hat, im Innenraum. Die Materialanmutung und Haptik ist durchweg billig, hier können andere Fahrzeuge aus den unteren Preisklassen locker mithalten, zudem wird viel von der Ergonomie unnötigen Designeffekten geopfert, die vielleicht im Showroom zunächst beeindrucken können, im Fahralltag aber nur noch ärgerlich sind. Das gesamte Fahrzeug ist in der Produktion deutlich verbilligt worden, man produziert nicht mehr auf Qualität sondern auf maximale Rendite. Hier hat sich BMW einen wirklichen Faux-Pax geleistet, ein Nachfolger sollte Schwächen des Vorgängermodells konstruktiv aufgreifen, subjektiv empfinde ich den E60 sogar in vielen Punkten eher als Verschlechterung. Selbst gegenüber dem E34 wirkt der E60 kaum aktueller, besonders in der Materialanmutung. Da fragt man sich als potentieller Käufer schon, wofür man da gut 37000€ für die Grundausstattung zahlen soll? Für diesen Preis bieten andere Hersteller "mehr Auto." Zugleich bescheinigt dieses Exemplar die im Nachhinein mißglückte Bangle-Ära, wo überzeichnetes Design gepaart mit billiger Qualität ein eher trübes Kapitel in der BMW-Geschichte schreiben werden, denn auch die Absatzzahlen sind nicht gerade ein Indiz, daß der E60 ein "Renner" im Abverkauf ist. Später wird der E60 auf dem Gebrauchtmarkt schnell im Preis fallen, die Wertbeständigkeit schätze ich noch geringer ein, als bei den Vorgängermodellen. Das es anders geht, zeigt BMW mit dem E92 (3er-Coupé 2006). Hier konvergieren gefälliges, aber modernes Design mit hochwertigerer Materialanmutung wieder deutlich besser und zeigt, das BMW aus den gemachten Fehlern offenbar gelernt hat. Die Nach-Banlge-Ära hat begonnen.

Diese Kritik kommt nicht von ungefähr, denn auch vielen anderen, nicht zuletzt von vielen enttäuschten Stammkunden, die teils schon seit vielen Jahren treue 5er-Fahrer waren. Daher sah sich BMW zur Schadensbegrenzung genötigt und hat viele dieser Kritikpunkte im Rahmen des Facelifts im Frühjahr 2007 aufgegriffen. So bekommen die Türschalen jetzt eine genähte Belederung (bei Lederausstattung), größere Ablagetaschen, besser gestaltete Türinnengriffe, 8-Presettasten, die das i-Drive umgänglicher machen sollen. Ob das aber reicht, muß jeder für sich entscheiden. Meine Entscheidung ist, abwarten, was bringt die nächste 5er-Generation ab 2010? Die Vorzeichen sind vielversprechend...
(c) André Nikolai für www.captndifool.de 2007